START-Preis für MMag. Dr. Hannes A. Fellner

20.06.2017

Am Montag, 19. Juni, gab der FWF die Wittgenstein- und START-PreisträgerInnen 2017 bekannt. Drei der sechs neuen START-Projekte sind an der Universität Wien angesiedelt: Unter Ihnen ist der Sprachwissenschafter Hannes Fellner, er wird am Institut für Sprachwissenschaft zum Thema "Digitale Paläographie der Tarim Brahmi" arbeiten.

 

Hannes Fellner: "Die Zeichen, welche die Seidenstraße prägten. Eine Datenbank und digitale Paläographie der Tarim Brahmi"

 

Im Tarimbecken in der heutigen Region Xinjiang in China entstanden im Laufe des 2. Jahrhunderts nach unserer Zeitrechnung entlang der Handelswege der Seidenstraße unzählige buddhistische Gemeinden und Klöster. Diese waren, wie die mittelalterlichen Klöster Europas, Heimstätten einer Kultur des Schreibens. Die bedeutendsten Sprachen dieser Klöster waren die alten indogermanischen Sprachen Sanskrit, Tocharisch und Khotansakisch. Die wichtigste Schrift, in welcher diese Sprachen geschrieben wurden, war eine eigene zentralasiatische Form der aus Indien stammenden Brahmi-Schrift, die Tarim Brahmi. Die frühen Schrifttümer der geistigen Zentren des Tarimbeckens gehören zu den ältesten erhaltenen Textzeugnissen des Buddhismus.

Klassische Fragen der Paläographie

Das in Tarim Brahmi geschriebene Material war bisher auf viele unterschiedliche Ausgaben verstreut und zu einem großen Teil nicht computergestützt untersuchbar. Ziel des Projektes ist daher, alle in der Tarim Brahmi geschriebenen Texte in einer Online-Datenbank zugänglich zu machen und damit diese Schrift einer umfassenden paläographischen – also schriftkundlichen – Untersuchung zu unterziehen. Im Zentrum dieses Projekts stehen also die Fragen, wer was wann wo wie geschrieben hat. Diese klassischen Fragen der Paläographie, die in Bezug auf die Tarim Brahmi bisher nur für einen kleinen Teil des Materials gestellt und – wenn überhaupt – nur ansatzweise behandelt werden konnten, sollen mittels einer Verbindung aus qualitativen und quantitativen Methoden gelöst werden.

In der Datenbank werden sprachliche, philologische und paläographische Daten miteinander verknüpft. Die Texte werden direkt mit ihren digitalen Fotografien verbunden, was ein Suchen und Auffinden von einzelnen Zeichen, Zeichenkombinationen oder Wörtern im gesamten Textmaterial möglich macht. Darüber hinaus werden die quantifizierbaren Eigenschaften jedes einzelnen Zeichens bzw. jeder Zeichenkombination oder jedes Wortes mit Hilfe von Computerprogrammen herausgelesen und miteinander verglichen. Dies wird zum ersten Mal die Bestimmung von Schreiberhänden und -schulen ermöglichen und detaillierten Aufschluss über die regionalen und zeitlichen Varianten der Tarim Brahmi geben.

Neue linguistische und philologische Erkenntnisse

Beinahe alle Texte in allen mit Tarim Brahmi geschriebenen Sprachen sind in fragmentarischem Zustand. Eines der wichtigsten zu erwartenden Ergebnisse wird daher sein, dass es – gestützt auf die Paläographie – gelingen wird, die vielen kleinen Textteile zu größeren Einheiten zusammenzufügen. Indem damit neue Texte, Kontexte, Wörter und Wortformen aufgefunden werden, wird dies neue linguistische und philologische Erkenntnisse über Sanskrit, Tocharisch und Khotansakisch zeitigen. Die durch die Paläographie mögliche Datierung und Lokalisierung aller Texte wird ebenfalls neue Perspektiven auf die regionale, soziale und historische Schichtung der Sprachen und Texte geben. Dies wiederum wird die Verhältnisse der Sprachen und Texte zueinander erhellen, was wichtige Auswirkungen auf das Verständnis der Ausbreitung des Buddhismus in Zentralasien und von dort nach China haben wird.